Deutschland im Herbst / Episode 7: Der Grenzposten

Produktionsdaten

Episode Grenzübergang

                                    Regie

 Edgar Reitz

     Regie-Assistenz

 Petra Kiener

                       Drehbuch

 Peter Steinbach
 Edgar Reitz

                                Kamera

 Dietrich Lohmann

                        Ausstattung

 Winfried Hennig

                                 Schnitt

 Annette Dorn

  Ton 

 Günther Stadelmann

                                    Musik

 Franz Schubert

 

 

            Produktionsfirma

 Edgar Reitz Filmproduktion (München) 

               Aufnahmeleitung

 Martin Häussler

 

 

                          Format

 35mm, 1:1,66

                              Bild/Ton

 Eastmancolor, Ton

                                   Länge

 6 min

  Prüfung

 FSK-Prüfung: ab 12 Jahre / feiertagsfrei: Nr. 49824, 15-März-78

 Darsteller

 Vadim Glowna
 Petra Kiener 

 
      

Aus einem Interview von 1978:

filmfaust:

Eines der schwierigsten Probleme für den Film (wie auch für andere Kulturgattungen, z. B. Literatur, Malerei, Theater usf.) ist die Darstellung von historischen Ereignissen und lebenden oder toten Menschen, die daran beteiligt sind.

Die ungeheure Bedeutung von Sergej Eisenstein und Charles Chaplin für ein alternatives Kino besteht unserer Auffassung nach darin, daß sie, jeder auf seine Art, mit Filmen wie »Potemkin«, »Oktober«, »Moderne Zeiten« und »König von New York« uns Filmemachern und den Zuschauern demonstrierten, daß es darauf ankommt, die Geschichte von Ereignissen und nicht das Ereignis »als Geschichte« zu erfassen und darzustellen.

Damit sind sie dem naheliegenden Versuch ausgewichen, ausschließlich mit ihren nur auf Subjektivität beschränkten Erfahrungen, Erlebnissen und Fiktionen zu reagieren. Wie ist Eure Antwort — als »Autorenfilmer« — auf diese Methode der Darstellung mit dem Medium Film? Und wie beschreibt Ihr Euren Versuch, die Ereignisse des Herbst '77 in der BRD darzustellen?

Edgar Reitz:

Ich glaube, daß es ein fester Bestandteil unserer bürgerlichen Erziehung ist, in diesem Sinne an Geschichte zu glauben. Die großen Ereignisse, die in den Geschichtsbüchern stehen, sind nahezu alles Ereignisse, die nie ein Mensch mit eigenen Augen gesehen hat — weder die großen Schlachten noch die Geburt eines Herrschers.
Die menschliche Erlebnisfähigkeit, auch die der sogenannten »großen Menschen», hat ein anderes Maß, ist begrenzt und bestimmt durch den Umstand, daß man immer nur in seiner eigenen Haut und an einem einzigen Ort sein kann. Diese Eigenschaft haben alle Menschen gemeinsam. Die richtige Geschichtsschreibung wäre eine, die sich aus Millionen Geschichten zusammensetzt, die jeder nachempfinden kann. Wenn aber erst einmal ein Ereignis als historisches Ereignis behandelt worden ist, dann werden die damit verbundenen Erlebnisse der einzelnen zugedeckt unter dem Pauschalurteil der Bedeutsamkeit. Wenn wir die Selbstmorde von Stammheim als Ereignisse behandeln, werden wir dazu beitragen,daß die Erlebnissevon Ensslin, Baader, Raspe z. B. in dieser Nacht für immer unverständlich bleiben. Wir sollten als Filmemacher dafür sorgen, daß Geschichte nie entsteht, aber Geschichten erzählt werden. Wir sollten nie dem Hang zum Großen entgegenkommen.

filmfaust:

Die technische Entwicklung der Massenmedien heute ermöglicht ihren »beamteten Machern«, das Bewußtsein der Menschen von Ereignissen in rasanter Geschwindigkeit zu überrollen und in kürzester Frist feste Urteile der verschiedensten Art in den Köpfen der Zuschauer festzusetzen und zu produzieren. Es gilt daher als sicher, daß man schon nach Tagen auf Bewußtseins-Barrieren der verschiedensten Stärken trifft (z. B. bei den Kinobesitzern, Produzenten, der Regierung, den Parteien, dem Laufpublikum, den Cineasten usf.).

Wird nicht der einzelne »Autorenfilmer« auch dann, wenn er sich mit anderen Einzelnen zusammentut, überfordert? Heißt nicht die aus der Filmgeschichte ableitbare historische Konsequenz: Zuschauerfilm — weil der Zuschauer in diesen Produktionsprozeß miteinbezogen werden muß?

Edgar Reitz:

Auf der einen Seite sehe ich, daß wir paar Hanseln, die Filme machen, völlig unzulänglich sind, gegen die Bewußtseins-Industrie und gegen das Bild von der Welt, das sie entwerfen, anzutreten. Wenn man die Sendestunden des Fernsehens zusammenrechnet, die sich allein mit den Ereignissen des Herbstes 1977 befaßten, dann erscheint es aussichtslos, mit einem oder mehreren Kinofilmen die Hirne der Zuschauer wieder korrigieren zu wollen. Andererseits sind wir die einzigen, die mit der lebendigen Phantasie der Leute ein Bündnis eingehen können. Es ist unser altes Problem, daß man gegen die quantitative Verdummung eine qualitative Klugheit setzt. Das eine ist schlecht und viel, das andere gut und wenig. Besser wäre, wie es im Volksmund heißt: »Lieber reich und gesund als arm und krank.«

Ich halte das Filmemachen für eine qualifizierte Facharbeit, die man genauso beherrschen muß wie jede andere qualifizierte Arbeit, d. h. Regisseure sind Fachleute und müssen es sein. Insofern lehne ich jede amateurhafte Vermischung der Verantwortung füreinen Filmzwischen Fachleuten und NichtFachleuten ab. D. h. andererseits für die Regisseure, daß sie verpflichtet sind, je professioneller sie arbeiten, um so mehr Kontakt zu suchen mit denen, die ihr Publikum sein sollen. Hier kann ein Erfahrungsaustausch stattfinden, der z. B. in den Medien, wie dem Fernsehen, schon allein durch das System völlig ausgeschlossen ist. Kein Fernsehredakteur hat je erlebt, wie das Publikum lacht oder weint oder vor dem Bildschirm den täglichen Familienkrach absolviert.

Eine Einbeziehung der Zuschauer in die Produktion kann nur durch die Offenheit und Erlebnisbereitschaft der Filmemacher stattfinden, aber nicht in direkter organisierbarer Form. Den Erfahrungsaustausch zu organisieren, ist so gesehen die eigentliche künstlerische Aufgabe.